Lichtgrenze Berlin – Eine Zeitreise

Wo warst Du vor 25 Jahren?

Eine imposante Lichtinstallation – die Lichtgrenze – sorgte am 09.11.2014 für einen gelungenen Rahmen um die Feier des Mauerfalls vor 25 Jahren. Die Lichtgrenze Berlin löste sich unter dem Jubel der Leute ab 19:20 Uhr auf. In diesem Artikel schildere ich meine Eindrücke und Erlebnisse – sowohl die von 1989 als auch die von 2014.

1989 – Keine Lichtgrenze, eine Mauer stand

Ich war 15 Jahre alt und hatte im Sommer mein erste Reise ins Ausland ohne meine Eltern gemacht. Es ging nach Ungarn. Ausgerechnet in das Land, in dem der Eiserne Vorhang seine ersten dauerhaften Löcher bekam. Wir waren eine Gruppe von 20 Jugendlichen (heute sagt man Teenager) und haben zwei wunderbaren Ferienwochen dort verbracht. Im Kassettenrekorder lief das Livealbum von Die Ärzte und nach drei Tagen konnten wir alle Songs und die Moderationen mit“singen“. Zur Abwechslung haben wir dann noch den Dirty Dancing Soundtrack gehört. Ein unbeschwerter Sommer schien es zu werden.

Ein Ausflug nach Budapest brachte uns der seinerzeit herrschenden politischen Situation etwas näher. Es gab überall Coca-Cola, die Bravo und T-Shirts westlicher Marken – alles zu Preisen, die diese Sachen für uns unerschwinglich machten. Ich habe zum ersten mal Bettler gesehen und Nobelkarossen, die durch die Straßen rollten. Nichts sah hier mehr nach Sozialismus aus.

Es war auch die Zeit, dass am Hungaro-Ring die Formel Eins gastierte. Das Rennen fand – wie bezeichnend – am 13. August statt und Nigel Mansell im Ferrari gewann es. Vor einem der internationalen Hotels stand auch ein Formel-Eins-Wagen. In der DDR wurde dieser Tag als Sieg über den Kapitalismus gefeiert und die „Grenzorgane“ wurden an diesem Tag besonders geehrt – alles ganz normal in der DDR.

Wieder in Berlin angekommen, wurde mir klar, dass etwas passiert. Da war von Flüchtlingen die Rede und von Opposition. In der Schule wurden diese Themen nicht besprochen. Dann ging es immer schneller. Jeder kannte einen Fall von „Republikflucht“ in seinem Umfeld – ob über Ungarn oder Tschechien oder einfach vom Westbesuch nicht wieder zurück gekehrt. Man sprach über Friedensgebete und Montagsdemos.

Oktober und November 1989

Am Vorabend des siebenten Oktober durfte ich mit zum Fackelzug der FDJ. Vor dem Palast der Republik bildeten wir ein Spalier für die internationalen Ehrengäste und für die Partei- und Staatsführung (ich kann sie noch alle, diese Fachbegriffe 😀 ). Als wir unentwegt „Gorbi, Gorbi“ riefen, kamen die Agitatoren und baten uns auch den Genossen Generalsekretär hochleben zu lassen – ich habe es erst nicht verstanden, denn die Sowjetunion war doch unser bester Freund und Waffenbruder…

Am nächsten Tag verlor die Staatsmacht die Macht an das Volk. Demonstrationen oppositioneller Gruppen überschatteten die Feiern zum Republikgeburtstag. Am 9. Oktober 1989 schallte durch Leipzig „Wir sind das Volk!“ und „Wir bleiben hier!“.

Es war eine aufregende Zeit. Am 4. November 1989 fand in Berlin die größte Demonstration statt. Ein Stelldichein von Künstlern, Wissenschaftlern, Oppositionellen und „alten Kadern“. Ein noch unbekannter Gregor Gysi, ein gewisser Ulrich Mühe sprachen über Veränderungen und Reformen. Günter Schabowski und ein Markus Wolf (Leiter der Auslandsaufklärung bei der Stasi) versprachen Veränderungen und wurden gnadenlos niedergepfiffen.

Es kam, was keiner ahnte…

Fünf Tage später – am 9.11.1989 – geschah das Unglaubliche.

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Mit diesen Worten brach Günter Schabowski die Dämme. In dieser Nacht konnte man wieder durchs Brandenburger Tor spazieren. Am nächsten Morgen weckte mich meine Mutter mit den Worten „Die Mauer ist offen…“ Meine Gedanken schwankten zwischen „Klar, gaaaanz sicher werden die die Mauer öffnen…“ und „Cool, ob ich dann in die Schule muss?“. Im Küchenradio lief an diesem Morgen nicht Rias2 (Westradio), sondern der Berliner Rundfunk (ein DDR- Sender) und es wurde vom KuDamm berichtet und die Reiseregelung gebetsmühlenartig wiederholt. Der Grund für die Lichtgrenze war geboren.

Mein erster Schritt nach Westberlin musste noch warten – natürlich musste ich in die Schule 🙁 , natürlich auch am Samstag… 🙁 dann ging es rüber. Am 11.11.1989 bin ich mit meinem Vater am Checkpoint Charlie „rübergemacht“. Der dicke weiße Strich auf der Straße war einfach zu überspringen und dann war man im „Westen“. Was dann alles passierte, kann ich nicht mehr genau beschreiben. Ich weiß noch, dass der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker in der Gedächtniskirche am Kudamm war und dass die Straßen voll waren und ich zum ersten Mal am Flughafen Tegel Flüge nach Paris, London und Madrid gesehen habe. Britisch Airways hat uns mit heißen Getränken und Snacks versorgt.

Bei meinem zweiten Westbesuch habe ich dann die ersten Pommes von Mc Donald’s am Bahnhof Zoo gegessen. Für den Mann meiner Mutter war das ein absoluter Schock – vom Westgeld kauft der Junge sich Pommes. 😀

Es war schön und hat für Gänsehaut gesorgt. #fotw25 #Berlin

Ein von Der Icke von 1974 (@icke_74) gepostetes Foto am

In der Zeitmaschine zur Lichtgrenze

Überspringen wir einfach mal 25 Jahre. Ich bin so alt, wie die DDR wurde, als sie unterging. Ich bin Vater zweier Kinder, die jederzeit durchs Brandenburger Tor spazieren können, die schon einiges von der Welt gesehen haben, ich bin gesund und sehr glücklich verheiratet. In Berlin feiern wir den Mauerfall mit der Lichtgrenze. Diese Aktion war schon etwas Besonderes. Mit der Leichtigkeit von Luftballons die weiß leuchteten wurde auf über 12 km der Verlauf der Mauer dargestellt. Dicht an dicht drängten die Menschen entlang dieser Installation, machten Fotos, feierten fröhlich und erzählten sich von Ihren Erlebnissen aus dieser Nacht vor 25 Jahren.

Fototour zur Lichtgrenze

Ich war an der Lichtgrenze unterwegs und habe diese Stimmung aufgesogen. Zu selten in den letzten Jahren haben die Menschen so andächtig gefeiert. Die Lichtgrenze hatte eine Höhe von 3,60 m und verlief am Ufer der Spree durchs neu entstandene Regierungsviertel, am Reichstag und dem Brandenburger Tor vorbei zum Potsdamer Platz und weiter zum Checkpoint Charlie. Die Höhe der Lichtgrenze war bewusst gewählt. Die Berliner Mauer hatte in Ihrer letzten Ausbaustufe genau diese Höhe. Wenn man neben so einem Ballon gestanden hat, ist einem nochmal das Ausmaß bewusst geworden.

Eine ganz besondere Stimmung an der Lichtgrenze

An der Invalidenstraße unterhielt ich mich beim Fotografieren der Lichtgrenze mit einer älteren Dame, die mir spontan beschrieb, wie sie diese Nacht erlebt hat. An einer anderen Stelle der Lichtgrenze sang ein kleiner Chor „Sag mir wo die Blumen sind…“. Ballonpaten brachten Ihre Botschaften und Wünsche an, die mit den Ballonen dann aufsteigen sollten. Wieder andere Ballonpaten öffneten zur Feier der Lichtgrenze eine Flasche Sekt und lachten fröhlich. Gruppen von Ballonpaten suchten noch ihren Platz an der Lichtgrenze und verkündeten lautstark, welche Nummer man suchen müsse und an welcher man gerade vorbeigelaufen ist. Es war eine ganz besondere Stimmung, die man mit einem Foto schwer einfangen kann. Daher hier ein kleines Filmchen (Neudeutsch Instavideo).

#fotw25 #Berlin Ein von Der Icke von 1974 (@icke_74) gepostetes Video am

Zu guter Letzt zeige ich hier gern meine Bilder von der Lichtgrenze in Berlin. Begleitet wurde ich wieder durch Silvi. Auch sie hat Ihre Bilder veröffentlicht und einiges dazu geschrieben.

Am Ende löste sich die Grenze auf. Jeder Ballon sucht seinen Weg in den Berliner Nachthimmel. Beifall brandete auf und die Menschen feierten diesen Moment. Auch die Rückfahrt beherrschte die Lichtgrenze. In der Bahn unterhielten wir uns mit zwei Jugendlichen, die Ballonpaten waren. Die beiden Mädchen (12 oder 13 Jahre alt) waren noch total aufgekratzt aber sichtbar glücklich.

Es war ein wunderschöner Abend. Die Erinnerung an die Lichtgrenze sorgt immer wieder für Gänsehaut. So friedlich, weltoffen und fröhlich wünsche ich mir mein Berlin – unser Berlin. Als Wort des Jahres wurde Lichtgrenze auch gekürt – ein besonders Lob für die Initiatoren, wie ich finde.

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